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Nächtlicher Besuch - Teil 43

Autor: Stefan Jahn
Geschrieben am: 28.11.2001 um 23:19 Uhr

Lady Sylvia und ihr Zwilling

Reigams Arbeitszimmer. Heftiges Treiben herrschte dort. Lady Sylvia starrte immer noch auf den schwarzen Knuffelballs der nun gemütlich auf Dreibuchstabens Schulter, oder sollte man sagen Stahlplatten, hockte. Dreibuchstaben selber kraulte zärtlich, naja, was der Kettenhandschuh halt so zulässt, sein Haustier, eben diesen Knuffelball. Zeiram lag mit dem Rücken auf einem zertrümmernden Bücherregal und schlief endlich seinen so lang herbeigewünschten Schlaf. Währenddessen waren Reigam und Boraidan über Zeirams Gesicht gebeugt, auf dessen Gesicht lag das gesuchte Buch „Rupaluga“, und blätterten in diesem Buch eifrig nach Informationen.

Aufeinmal ertönte ein mächtiger Gongschlag den Raum. Er war so laut, das selbst Zeiram hochschreckte und das Buch quer durch den Raum schleuderte. Reigam war aber schneller, er schien ganz gefasst zu sein, und griff mit einer schnellen Handbewegung das Buch aus der Luft und zog es sicher zu sich heran. Alle schauten fragend Reigam an.

„Mein Gott, was ist das Reigam?“, tönte es fast gleichzeitig. „Ach, nichts schlimmes, nur mein Wächter sieht gerade was wichtiges.“ „Dein Wächter?“ fragte Lady Sylvia. „Ja, mein Wächter. Es ist ein kleiner pechschwarzer Rabe. Dieser Vogel dient mir als Auge und Ohr. Immer wenn er was wichtiges mitbekommt, werde ich auf magische Weise, mit diesem Gongschlag, informiert.“ „Was? Da kennt man dich schon eine kleine Ewigkeit, und du verschweigst uns eine solche Sache?“, sprach Boraidan. Reigam daraufhin: „Naja, der Wächter ist ab und zu ganz praktisch. Ihr glaubt ja garnicht was man da alles mitbekommt.“ Nun mischte sich auch Dreibuchstaben in das Gespräch ein: „Hehe, ich wüsste was ich anschauen würde.“ Kaum hatte er das ausgesprochen rasselte mit einem lauten blechernden Scheppern Lady Sylvias Hand auf sein Helm nieder, „Denk blos nicht dran… ähhh… Reigam, du hast doch wohl nicht etwa, oder?“ „Nein, nein, nie, ich würde nie den Raben in andere Leute Zimmer positionieren.“ versuchte Reigam daraufhin klar zu machen. „Man darf doch wohl noch davon träumen“, erklärte Dreibuchstaben entrüstet und stellte sich bildlich vor wie der Rabe in Lady Sylvias Schlafzimmer hockt und nur darauf wartet das Lady Sylvia zu Bett geht. „Dafür ist jetzt keine Zeit.“, erwiderte Boraidan energisch, „wir haben wichtigere Probleme. Was hat dein Wächter nun gesehen Reigam?“ „Achja, Moment…“

Reigam ging in die Mitte des Raumes und vollführte ein paar Handbewegungen, gleichzeitig sprach er ein paar Worte in einer längst vergessenen Sprache. Mit einem grellen Lichtblitz, aber vollkommen lautlos, erschien in der Mitte des Raumes, kurz vor Reigam, eine große helle Leuchtkugel. Sie schwebte ungefähr zwei Fuß über den Boden. Das helle Licht in der Kugel, die etwas so breit wie der Türrahmen ist, verschwand und machte Platz für das Gesehene des Rabens, des Wächters. Fast gleichzeitig hörte man die Geräusche die der Wächter in diesem Moment mitbekam. Diese Geräusche schienen keine Quelle zu haben, sondern von überallher aus Reigams Arbeitszimmer zu kommen. Mit staunen sahen alle in die Kugel.

Sie zeigte den Himmel. An dessen Firmament tobten zwei riesengroße Drachen, umschwärmt von vielen kleinen, nahezu winzigen, Drachen. Einer der Drachen war kariert, genauso wie Gegner die wohl noch immer hinter Dreibuchstaben, Reigam und Co hinterher waren. Auf einem Drache saß Takina, und auf dem anderen Drache thronte Lady Sylvia.

„Was? Sehe ich da richtig, Lady Sylvia?“, schrie Dreibuchstaben auf. Im gleichen Moment vollführte Reigam eine kleine Handbewegung und das Bild wurde vergrößert. Tatsächlich, es war Lady Sylvia. Kaum hatte man dies gesehen, so fuchtelte Reigam hektisch in der Luft umher und die Kugel löste sich in einen Funkenschauer auf. Fast nahezu gleichzeitig nahmen Boraidan, Dreibuchstaben, Reigam und der, noch immer verschlafend dreinschauende, Zeiram einen Abstand zu der Lady Sylvia in dem Raum ein.

„Das gibt's doch nicht!“, schrie Boraidan, „Das hier ist doch Lady Sylvia, oder?“ „Wer bist du?“, fragte Reigam. Dreibuchstaben, kein Mann großer Worte, zog vorsichtshalber sein gigantisches Schwert aus der Scheide. Dreibuchstaben mußte wohl in der Schule im Fach Physik nicht aufgepasst haben. Sonst währe im klar das es unmöglich ist, so ein langes Schwert mit nur einer Hand zu heben, geschweige denn zu führen. Zielsicher richtete Dreibuchstaben - hatte eigentlich irgendjemand auf der Burg diesen Kämpfer schon mal ohne Rüstung gesehen - das Schwert auf Lady Sylvia.

Lady Sylvia ging langsam rückwärts auf die Wand zu. Ihr erst verdutztes Gesicht nahm nun die Züge eines diabolischen Grinsen an. „Hübsche Tarnung, oder?“, sprach Lady Sylvia. Ihr Tonfall war jetzt ganz und gar nicht mehr so melodisch und harmonisch wie immer. Und was war das? Die Haut von Lady Sylvia schien sich zu verändern. Langsam erschienen Blasen auf der Oberfläche, die kurz darauf auch wieder mit der Haut verschmolzen und damit wieder verschwanden. Die Farbe der Haut schien sich zu wandeln. Nach und nach erschienen einzelne, farbige Karos auf der ganzen Haut.

„Verdammt, sie gehörte die ganze Zeit zu denen!“, schrie Zeiram. „Das kann gar nicht sein!“, sprach Reigam, „Die magische Mixtur, das Doppelgänger-Elixier, lässt sowas gar nicht zu.“ Nach kurzem Überlegen fügte er aber hinzu, „Vielleicht liegt es daran, das sämtliche Chemikalien und Zutaten ja zufällig vermischt wurden und somit das Elixier nicht korrekt hergestellt wurde?“ „Könnten wir das später bereden?“, fauchte Dreibuchstaben in den Raum, »Ich will jetzt erst mal wieder mein liebes Schwert benutzen!“

Dreibuchstaben schlug zu. Lady Sylvia war aber um einiges schneller, wich dem Schwert aus und packte sich Zeiram an der Gurgel. Mit einer schier unheimlichen Kraft hob sie Zeiram mehrere Zentimeter in die Höhe. Hilflos versuchte Zeiram aus dem stahlharten Griff der karierten Lady Sylvia zu kommen.

„Ihr seit alle Tot!“, raunte Lady Sylvia. „Das werden wir ja sehen.“, sprach Dreibuchstaben und rammte das Schwert kurz unterhalb des Nackens in Lady Sylvias Rücken. Mit einem schmatzenden Geräusch entwich das Schwert wieder aus dem Bauch der Lady. Aber kein Blut war zu sehen. Irgendwas war hier ganz und gar verkehrt. Lady Sylvia hielt den armen Zeiram immer noch in der Luft. Und ohne auch nur die Füße zu bewegen wandte sich die karierte Lady Sylvia dem überraschten Dreibuchstaben zu. Dazu verdrehte sie ihren Hals um 180 Grad und konnte somit Dreibuchstaben direkt in seine Sehschlitz im Helm schauen. Aus ihrer Kehle entwich ein dämonisches Lachen.

Plötzlich hörte man den gedämpften Glockenschlag der Turmuhr. Es war ein Uhr Nachts. Im gleiche Moment krachte Zeiram zu Boden. Die karierte Lady Sylvia schien wohl nicht mehr in der Lage zu sein Zeiram mit nur einem Arm in die Luft heben zu können. Wie es schien hatte sie ihre Kräfte verloren. Und nicht nur das, Lady Sylvia wurde mit jeder weiteren Sekunde kleiner und kleiner.

„Was geht hier vor?“, schrie Dreibuchstaben Reigam an. „Wenn ich ehrlich bin, ich kann es mir nicht erklären. Das Doppelgänger-Elixier sollte normalerweise anders wirken. Zumindest teilweise.“, antwortete Reigam.

Da standen sie nun, Reigam, ein nach Luft ringender Zeiram, Dreibuchstaben und Boraidan um die immer mehr verschwindende karierte Lady Sylvia. Bis diese mit einem leisen Zischen, mal von ihrem immer heller werdenden Gejammer abgesehen, ganz verschwunden war.

geschichten/fantasy/naechtlicher_besuch/teil_43.txt · Zuletzt geändert: 24.03.2011 22:06 (Externe Bearbeitung)
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