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Nächtlicher Besuch - Teil 36

Autor: Stefan Mann
Geschrieben am: 23.11.2001 um 12:33 Uhr

Zeiram spürte die entsetzliche Gefahr. Mit einer Schnelligkeit, die man dem Stahlkoloß nicht zutrauen darf, wenn man sich in der Physik nur ein wenig auskennt, stand der hundert-erste Ritter neben ihm. Wie im Mittelalter üblich hatte Dreibuchstaben keine Ahnung von Physik. Daher schreiben wir es seinem Unwissen zu, daß er sich des öfteren über physikalische Regeln hinwegsetzt…

Ein kurzer Schubs von ihm brachte den Gelehrten in Sicherheit. Naja - vorübergehend wenigstens: Momentan befand er sich auf einem Flug ins Ungewisse - mit einem Gefühl, als wäre seine Schulter von einem riesigen Vorschlaghammer mit lang vermißter Zärtlichkeit geküßt worden. Zeiram als alter Pragmatiker nutzte jedoch die Gelegenheit und las auf seinem Vorbeiflug die vielen Titel im Bücherregal…

Nun stand Dreibuchstaben vor dem schwarzen Knuffelball. Dieser versuchte den Gegner wie gewohnt mit ein paar schnell verschossenen Stacheln ins Reich der Träume zu schicken. Zuerst ertönte ein einsames Pling. Dann ein etwas hektischeres zweites, gefolgt von einem richtig hektischen dritten. Dann ein Prasseln. Dann ein leises Plätschern…

Die Helmschlitze verengten sich drohend, die Luftlöcher im Mundbereich des Helms verzogen sich zu einem fiesen Grinsen. Gefährlich richteten sich die Dornen an der Rüstung auf. Die Axt in der Rechten gierte. Der Streitkolben in der Linken geiferte. Das Schwert in der… hm - scheinbar hatte Dreibuchstaben auch den Unterricht in Anatomie geschwänzt? Auf den Knuffelball in seiner kleinen gelben Pfütze raste eine gepanzerte Faust zu…

Mit den erleichtert klingenden Worten „Keine Sorge, jetzt ist es vorbei!“ wandte sich der Ritter ohne Furcht und Gnade den anderen zu. Der Topfhelm zeigte ein verklärtes Lächeln, in dem linken Augenschlitz hätte Lady Sylvia eine Träne der Rührung sehen können, doch keuchend und um Fassung ringend konnte sie ihren Blick nicht von der schrecklichen Szene abwenden: Dreibuchstaben kraulte das kleine Monster liebevoll. „Na Du kleiner, süßer Fratz, habe ich in dem Durcheinander vergessen, den Käfig zu schließen? Dann sind ja auch Fressi, Reissi, Zähnchen, Beissi, …“ Ein lautes Krachen unterbrach die zärtliche Aufzählung seiner Haustierchen und lenkte die Anwesenden davon ab, daß noch weitere von Dreibuchstabens Schoßtierchen in der Burg ihr Unwesen trieben. Zeiram war in ein weiteres Regal gekracht. Er lag inmitten eines Haufens Bücher und stöhnte mühsam: „Oh, tut das gut, wenn der Schmerz nachläßt.“ Doch über ihm löste sich nun auch das letzte im Regal verbliebene Buch mit einem leisen Rascheln von seinem zweifelhaften Stand. Zeirams Augen richteten sich auf das schnell nähernde Flattern von oben. Das letzte was sie vor Eintreten einer wirklich zauberhaft schönen Sternenexplosion sahen, war ein sich rasch nähernder Buchrücken mit den Lettern RUPALUGA. Ohne die Kopfschmerzen zu beachten nutzte Zeiram endlich die Gelegenheit, sich dem zu widmen, was er sich schon seit so vielen Stunden wünschte: Schlafen, einfach nur schlafen…

„Na dann werd ich Kuschelchen mal zurück in den Zwinger bringen.“ Dreibuchstaben drückte seinen Liebling an seine Schulter oberhalb der stahlbewehrten Brust und machte sich auf diesen Raum zu verlassen. Das hysterische Gelächter, welches Lady Sylvia in ihrem Inneren aufsteigen spürte, wurde jedoch von einem gewissen unguten Gefühl verdrängt: Das schwarze Knuffelmonster namens Kuschelchen blickte über Dreibuchstabens sich entfernende Schulter mit einem fiesen, unheilvollen Grinsen. Das von messerscharfen kleinen Dolchen gespickte Maul formte das Wort Vräsön…

Was auch immer das bedeuten mochte, Lady Sylvia hatte keine Zeit, dieses weitere Rätsel zu lösen. Sie verdrängte das ungute Gefühl und wandte sich den anderen zu. Reigam hatte das Buch auf Zeiram als das gesuchte identifiziert. Boraidan und er lasen es an Ort und Stelle - auf dem Gesicht des friedlichen Schlummernden…

geschichten/fantasy/naechtlicher_besuch/teil_36.txt · Zuletzt geändert: 24.03.2011 22:06 (Externe Bearbeitung)
Quelle: http://stefanjahn.de/geschichten:fantasy:naechtlicher_besuch:teil_36
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