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Nächtlicher Besuch - Teil 33

Autor: Malik Athramis
Geschrieben am: 23.11.2001 um 00:54 Uhr

Takina traute seinen Augen nicht. Was zum Teufel tat diese Irre da? Sie hatte sich tatsächlich auf den Rücken des Babydrachen gesetzt und war mit ihm über die Brüstumg gesprungen. Das war doch Wahnsinn. Entsetzt stand er da und konnte nichts weiter tun als zuzusehen. Es sah schlimm aus, doch gerade in dem Moment, als der Goblin dachte, sie würden nun zerschellen, breitete Piru seine Flügel aus und fing den Sturz ab. In einer scharfen Kurve stieg er auf und schraubte sich so mühelos in den Himmel, als hätte er nie etwas anderes getan. Erleichtert atmete Takina auf. Ihr war nichts passiert. Das Glück war doch immer mit den Dummen. Und solch lebensmüde Aktionen konnte man durchaus als dumm bezeichnen. Eigendlich hätte ihm jetzt auch ein wenig Glück zugestanden. Nach all diesen Unglücken, die er in den letzten Stunden über sich ergehen lassen mußte (und die er größtenteils selbst verursacht hatte), wäre er wirklich mal an der Reihe gewesen. Doch auch dieses Mal ließ es ihn im Stich. Denn plötzlich begann unter ihm die Erde zu beben und aufzubrechen. „Oh, verdammt.“, stammelte der Gobbo und befürchtete das schlimmste. Doch es sollte schlimmer kommen als er befürchtet hatte.

Beruhigend redete Sylvia auf den kleinen Drachen ein. „Du kannst es, mein Kleiner.“, flüsterte sie in sein Ohr. „Ich weiß, daß du es kannst. Es ist ganz einfach. Du mußt nur die Flügel ausbreiten. Versuch es doch. Bitte!!“ Das letzte Wort fügte sie noch eilig hinzu, als sie sah, wie nah der felsige Boden bereits war. Langsam wurde es wirklich brenzlig. „PIRU!!!“ Der Schrei erschreckte den Drachen so sehr, daß er vor lauter Angst die Flügel ausbreitete. Sofort fing sich die Luft in den Ledrigen Schwingen und fing ihren Sturz ab. Er hatte es geschafft. Piru flog. Und dabei stellte er sich noch nicht einmal ungeschickt an. Instinktiv versuchte Piru die warmen Luftsrömungen auszunutzen. Fast sofort schaffte er es, sich auf ihnen mühelos in die Höhe tragen zu lassen. Zwar war er noch etwas unsicher, aber er schaffte es. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich für ihn zu freuen. „Flieg zu den anderen!“, befahl Sylvia eine Spur zu grob. Piru gehorchte aufs Wort. Er hatte ihr schon immer gehorcht und er wußte auch, daß ihr rauher Ton nicht bedeutete, daß sie wütend auf ihn war. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit raste er auf das Faszinierende und zugleich schreckliche Bild am Himmel zu. Inzwischen hatten die Drache ihren Angriff bekonnen und spuckten Feuer auf ihren gigantischen Artgenossen. „Hört auf!“ schrie Sylvia mit Tränen in den Augen. „Das ist doch Wahnsinn!“ Jetzt begann Pelur sich zu wehren. Seine Feuerlohe stach mehrere hundert Meter in den Himmel hinein und verbrannte ein halbes Dutzend Drachen in Asche. „Nein!!!“ Schrie Lady Sylvia entsetzt. Ihr Gesicht war tränenüberströmt und ihre Stimme überschlug sich, als sie die Beherrschung verlor. „Flieg heim!“, herrschte sie den kleinen Drachen an und sprang von seinem Rücken. Erschrocken sah Piru, wie seine Herrin stürzte und wollte ihr im ersten Augenblick folgen. Doch dann erinnerte er sich wieder an ihren Befehl und flog zurück in die Burg. Reigam eilte mit langan Schritten durch die Gänge der Burg. Überall lagen diese komischen Bälle, die quiekten, wenn man darauf trat, herum. Doch die interessierten ihn nicht. Alles was ihn im Moment interessierte, war Rache für tausend Tode. Niemand tat ihm so etwas an ohne dafür bestraft zu werden. Plötzlich sah er sie. Sie waren zu dritt und schlichen irgendwie seltsam durch die Gänge der Burg. So bewegte sich doch niemand, der hier her gehörte. So bewegten sich nur Attentäter und Einbrecher. „Euch zeig ichs…“, dachte der erste Magier und erhob die Arme. Seine Lippen formten einige tonlose Worte einer längst toten Sprache und im nächsten Moment bildete sich ein gleißendes, weißes Licht zwischen seinen Händen. Rasch wurde das Licht größer und wuchs erst zu einer großen Feuerkugel und dann zu einem ausgewachsenen Inferno heran. Entsetzt starrten die drei karierten Gestalten auf den Magier. Einer zog noch sein Schwert, doch es war bereits zu spät. Reigam ließ einen gigantischen Feuersturm auf seine Gegner los und beobachtete emotionslos wie sie und alles andere auch in Flammen aufgingen. Doch plötzlich weiteten sich seine Augen, als er die Gestalten erkannte. Waren das nicht Skip, Lashron und Abdul, die dort in Flammen eingehüllt ihre Leben aushauchten? Zwei von ihnen bewegten sich bereits nicht mehr. Der dritte wand sich am Boden. Mit einer Handbewegung löschte Reigam die Flammen und besah sich die Gestalten genauer. Das waren eindeutig die drei Ritter, die er zu erkennen geglaubt hatte. Doch sie waren kariert. „Oh, nein…“, stöhnte der erste Magier und eilte in sein Arbeitszimmer. Dort angekommen sah er seine Befürchtung bestätigt. Irgend jemand hatte es geschafft sein mißlungenes Infiltrationsklonelexier nachzumischen. Am Boden kroch und pulsierte eine karierte unförmige Masse, von der sich immer wieder kleine Stücke ablösten. Dieses Problem war innerhalb weniger Sekunden gelöst, als Reigam ein Pulver darüber streute. Ein kurzes Zischen, ein Blubbern, dann war alles vorbei. Doch damit war das Hauptproblem immer noch nicht aus der Welt. Draußen näherten sich eilige Schritte. „Halt, hier rein!“, rief Reigam, als er die vier Gestalten herbeilaufen sah. Der 101. Ritter, Sylvia, Zeiram und Boraidan folgten dieser Anweisung mit höchstem Vergnügen. Kaum waren sie im Raum, versiegelte Reigam die Tür magisch und begann sofort damit Anweisungen zu geben. „Sylvia, ruf alle Drachen herbei, die du erreichen kannst. Zeiram, durchsuche meine Bücher nach dem Rezept für ein Gebräu mit Namen Rupaluga. Dreibuchstaben, du versammelst alle Ritter, Wächter und was immer eine Waffe halten kann um dich. Boraidan, du… du… betest. Wir haben eine Schlacht vor uns. Und zwar gegen den gefährlichsten Gegner, den wir je hatten. Gegen uns selbst.“ „Vermithrax!“, schrie Sylvia im Fallen und hoffte, daß ihr Drache sie auch hören würde. Sofort löste sich ein einzelner Drache aus dem Kampfgetümmel und flog auf sie zu. Mit einem oft geübten Flugmanöver pickte Vermithrax seine Herrin aus der Luft und platzierte sie auf seinem Rücken.

„Was macht ihr nur für einen Blödsinn?“, rügte sie ihn sanft. „Mal sehen, ob ich das noch ausbügeln kann. Bring mich so nah wie möglich an Pelur heran.“ Vermithrax gehorchte, wie er es immer getan hatte und brachte sie zu der riesigen Kreatur. „Noch näher.“ sagte Sylvia, Als der Drache begann Pelur in einem Abstand von etwa 50 Metern zu umkreisen. Zweimal mußte sie ihn ermutigen, bevor er sich endlich so weit heran wagte, daß Sylvia ihr waghalsiges Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Wieder sprang sie und dieses mal landete sie ziemlich unsanft auf dem massigen Leib Pelurs. Sofort versuchte die Bestie die Lady abzuschütteln. Doch Sylvia hatte Erfahrung in solchen dingen und blieb eisern auf seinem Rücken. Wie sie gehofft hatte, brachen die Drachen sofort ihre Angriffe auf das gigantische Tier ab, aus Angst, die Frau, die mit Drachen reden konnte, zu verletzen. Der riesige Drachenschwarm hatte sich auf Abstand begeben und umschwirrte sie großräumig. „Was tust du hier? Warum schläfst du nicht?“ fragte Lady Sylvia. Doch sie erhielt keine Antwort. Doch dann sah sie den Grund für das Erwachen des Orkanes der Verwüstung. Zuerst dachte sie, er würde die Drachen beobachten, die ihn umschwirrten. Doch dann bemerkte sie den starren Blick in den Augen des Tieres. Sylvia kniff die Augen zusammen und sah in die gleiche Richtung. „Was ist dort?“, fragte sie. Wieder bekam sie keine Antwort. Doch dann sah sie es. Zuerst schwach, dann ganz deutlich sah sie wie sich die Erde zu bewegen begann. Der Boden brach auf und immer deutlicher war der Grund für das Beben zu erkennen. Es war ein gigantischer Drache. Die Ausmaße schienen genau mit denen Pelurs übereinzustimmen. Einzig die Farbe war anders. Der Drache war blau, grün, rot kariert. Pelur ließ einen schrillen Schrei ertönen. Es klang wie eine Kampfherausforderung. Der andere Drache antwortete auf die gleiche Art. Das war für Pelur das Zeichen zum Angriff. Und Sylvia saß immer noch auf seinem Rücken.

Auch auf dem Rücken des anderen Drachen saß jemand. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen saß Takina im Genick des Drachen und mußte hilflos ansehen, wie er genau auf den großen schwarzen Drachen zu flog.

Verdammt… dieser Tag war echt bescheiden. Und er würde wohl noch schlimmer werden.

geschichten/fantasy/naechtlicher_besuch/teil_33.txt · Zuletzt geändert: 24.03.2011 22:06 (Externe Bearbeitung)
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