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Der Ringstadtroman - Teil 4

Autor: Michael Zeidler
Geschrieben am: 08.05.2002 um 01:15 Uhr

Erik schnaufte verächtlich: „Ich gehöre zu denjenigen, die die Fehler Eurer Hoheit wieder ausbügeln müssen, was ja gerade bewiesen wurde! Es ist meine Profession, nicht gesehen zu werden, und ihr, Majestät, seid mein liebstes Übungsobjekt! Wir sollten endlich aufbrechen!“

Zandros nickte und deutete auf die Leiche: „Wenn das Banner erlischt, endet die Verbindung! Das spürt der Dunkle!“

„Der Dunkle?“

Zandros zuckte mit den Schultern: „Na, irgendwie müssen wir ihn doch nennen, oder?“ Mit diesen Worten stapfte er voran. Adriana und Erik folgten dichtauf.

Grellweiße Blitze malten ihr krallenartiges Muster auf die rauhen Wände des Hornsaals. Donner hallten wie fallende Berge im Ohr des Herrschers. Er stand an einem der großen Spitzbogenfenster und sah hinab auf seine Stadt im Gewittersturm. Wenn er die mächtige, mit vielen Hörnern und Spitzen bestückte Schlachtrüstung abgelegt hatte, wirkte er klein, fast schmächtig. Das weiße Haar hatte er im Nacken zusammengebunden, und in der Hand hielt er eine Tasse mit dampfendem Tee.

„Was für ein Wetterchen, Kanzler, was für ein Wetterchen!“

„Eine Katastrophe für die Ernte.“

Der Herrscher winkte ab: „Unwetter wie dieses hat es immer gegeben, und wird es auch immer geben. Davon geht weder die Welt noch die Ernte unter! Was gibt es denn Neues aus den traurigen Königreichen?“ Er wandte sich zu seinem Kanzler um, einem gebückt gehenden Greis mit altersgrüner Haut.

„Sie fürchten sich, mein Herrscher!“

„Vor uns?“ Er grinste. „Recht so!“

„Sie sagen, ihr versklavt die freien Völker in den Minen.“

Der Herrscher lachte auf: „Die freien Völker? Als ob deren Völker frei wären? Die schuften doch genauso für die hochnäsigen Herren mit ihren Knebelbärten und Spitzenkleidern. Waren sie etwa frei, bevor wir sie untertan gemacht haben? Waren die Minen etwa geschlossen, als noch der fette Nordkönig seine gierigen Finger daraufgehalten hat? Ich beute die Minen aus, und das gefällt den dekadenten Königen der mickerigen Königreiche wohl nicht. Ich habe gehört, man nennt uns die Dunkle Horde?“

„Legion, die Dunkle Legion!“

Der Herrscher lächelte und schmeckte den Titel auf seinen Lippen: „Die Dunkle Legion! Wunderbar. Ich nehme an, sie rüsten sich schon, oder machen sich zumindest auf, ihre lächerlichen Streitigkeiten zum Wohl der sogenannten freien Welt für's Erste beiseite zu legen. Haben wir nicht dem sabbernden Simon einen Floh ins Ohr gesetzt? Im wahrsten Sinne des Wortes, meine ich.“

Der Kanzler nickte: „Es gab ein geheimes Treffen.“

„Ja, ja, ich weiß. Da hat er seine Zuckerschnute ausgeschickt, streng geheim. Hübsches Ding! Unser Versuch, sie für uns zu gewinnen, ist wohl erst einmal fehlgeschlagen, oder?“

„Euer Diener wurde enttarnt!“ gab der Kanzler zu und duckte sich vor dem erwarteten Unwetter.

Doch der Herrscher lachte nur: „Enttarnt? Mein Diener? Nicht doch!“ Er winkte ab: „Aber das Küken ist eh nicht wichtig. Mann nennt uns also die Dunkle Legion und all die Horrorgeschichten, die wir verbreitet haben, fruchten wohl endlich. Demnach werden sie sich sammeln und ihre Heere gegen uns schicken. Wunderbar. Geben wir den Helden der Königreiche doch auch etwas zu tun. Ich brauche einen Namen. Hast du dich umgesehen?“

Der Kanzler holte eine Rolle gebündelter Pergamente unter der Robe hervor. „Hier, dies sind die zur Auswahl stehenden Geißeln vergangener Jahrhunderte.“

Der Herrscher leckte Daumen und Zeigefinger an und begann zu blättern. „Istirgeranthos, Dämon der siebten Ebene. Beschworen dreihundertfünfzig Jahre vor Aladrian dem Übermäßigen, nach der Zeitrechnung des östlichen Königreichs.“

„Der wäre ideal! Der Sage nach wird er irgendwann zurückkehren und Tod und Vernichtung über die freie Welt bringen.“

„Schwäche?“

„Wasser.“

Der Herrscher winkte ab: „Zu einfach. Wir brauchen etwas, was die Helden inspiriert. Sie sollen nicht einfach zum nächsten Fluß laufen und mich naßspritzen. Nein, wir müssen sie beschäftigen! Außerdem können nur Zungenakrobaten diesen Namen aussprechen: Istirgewieauchimmer. Und der hier? Wuszlowarth der Verpestete.“

„Blutherrscher des Wergolischen Imperiums, ungefähr vor 1000 Jahren. Hat hunderte seiner Gegner auf grausamste Art öffentlich hinrichten lassen. Wurde verdammt zu ewiger Buße in…“

Doch der Herrscher hatte schon weitergeblättert. „Na, was haben wir den da? Doshoor der Finstere, das hört sich doch vielversprechend an…“

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