Stefans Wiki



Der Ringstadtroman - Teil 3

Autor: Alexandra Bauer
Geschrieben am: 14.04.2002 um 19:16 Uhr

Die wolkenverhangene Nacht wurde wenige Stunden nach ihrem Aufbruch von einem trüben grauen Morgen abgewechselt. Das Wetter passte zu Andrinas Stimmung. Sie konnte die vergangene Nacht mit ihren schrecklichen Geschehnissen nicht aus ihren Gedanken jagen. Ein Mensch hatte sein Leben verloren, es waren einfach schon zu viele gestorben. Sie hatte den Widerstand des Mannes in sich gespürt - ihn in seinen traurigen Augen gelesen. Für einen Entführer war er ungewöhnlich gut zu ihr gewesen und das Ende, welches ihm Zandros gesetzt hatte, hatte sie erschreckt. Besessenes Wesen der Dunklen Legion hin oder her, er war ein Mensch gewesen. Vielleicht mit einer Familie, mit einer liebenden Frau und ihn vergötterenden Kindern. Es machte sie traurig und zornig zugleich, dass Zandros einzig gewählte Erlösung für den Mann, die des Todes gewesen war.

Lange Jahre war Andrina mit dem Elfen Seite an Seite gegangen, doch heute spendeten ihr seine grazilen Bewegungen neben ihr keinen Trost. Seine Nüchternheit und Gefühlskälte waren Eigenschaften, die sie während ihres gemeinsamen Weges kennen und zu nehmen gelernt hatte, doch an Tagen wie diesen, brachte sie jene Eigenschaften zur Weisglut. Vielleicht rührten diese Tugenden von seiner Elfenrasse, vielleicht aber auch von seinem Weg des Magiers. Genau konnte sie das nicht sagen, denn sie kannte ebenso wenige Elfen wie Magier, denn Elfen und Magier mieden das weltliche Leben. Zandros und sein menschlicher Lehrmeister waren die einzigen Zauberwirker am Hofe ihres Vaters. Guran war König Simons Berater, eine Tradition, die sich seit Generationen durchgesetzt hatte. Zandros sollte eines Tages Gurans Erbe antreten, ebenso, wie Andrina das Erbe ihres Vaters antreten würde. Umso wertvoller war ihre langjährig gewachsene Freundschaft für beide.

Zandros sah Andrina tiefgründig an. „Was beschäftigt dich?“

Andrina suchte für einen Moment in die grünen Augen ihres Freundes und richtete ihren Blick sodann wieder nach vorn. „Ich bin sicher, dass es auch einen anderen Weg gegeben hätte den Mann von seinem Drohnendasein zu befreien“ , knirschte sie.

„Ich habe geahnt, dass es das ist, was dich beschäftigt“, raunte Zandros. „Es gab keinen anderen Weg. Der Tot war in diesem Falle sein einziger Befreier.“

Andrina schüttelte energisch mit dem Kopf. „Nein, das kann nicht der einzige Weg sein. Die Drohnen werden mit Magie an diesen Puppetmaster gebunden, also muss man jene Macht auch mit Magie brechen können. Du bist Magier, doch du hast den Mann getötet wie es ein Soldat getan hätte. Das darf nicht sein. Ich habe den Widerstand des Mannes gegen sein Dasein gesehen. Ich sah die Trauer in seinen Augen. Seine Seele kämpfte gegen die Macht des Banns an. Du hättest ihn nicht töten dürfen.“

Zandros blieb stehen. Seine zart geschwungenen Augen verfinsterten sich. „Dein Mitleid hätte dich nicht davor gerettet, dass dich dieser Kerl direkt zu seinem Puppetmaster geschleppt hätte. Wenn Erik und ich nicht hinzugekommen wären…“

Jetzt waren es Adrianas Augen, die den Zorn widerspiegelten. „Das hätte ich auch wirklich alleine geschafft!“

„Alleine?“, Zandros schnappte nach Luft. „Das habe ich gesehen. Es war völlig unverantwortlich von deinem Vater, dich ganz ohne Eskorte fort zu schicken.“

Andrina ballte die Fäuste. „Es liegt außerhalb deiner Kompetenz die Entscheidungen unseres Königs in Frage zu stellen. Du bist mir gegen seinen Befehl hin gefolgt. Das grenzt an Hochverrat.“

Zandros legte die Hände auf Adrianes Schulter und sah sie gutmütig an. „Du bist zu wichtig für das Königreich und du bist mir zu wichtig. Ich würde für dich die Dunkle Legion ganz alleine bekämpfen und ich würde jeden Befehl des Königs missachten, selbst wenn es mich den Kopf kosten würde, nur um dich nicht zu verlieren.“

Andrina senkte den Kopf und strich sich verlegen eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht.

„Der König wusste nicht von den menschlichen Drohnen und auch nichts davon, dass sie sich so weit außerhalb der besetzten Gebiete aufhalten. sonst hätte er dich niemals alleine auf die Reise geschickt.“

„Er glaubte, dass wir auf diese Weise unerkannt ihrer Spione blieben. Auch mir schien die Idee einleuchtend, darum habe ich zugestimmt. Das Verhältnis zwischen den beiden Königreichen ist nicht das Beste, wer weiß, wie König Balthasar reagiert, wenn eine bewaffnete Eskorte in sein Königreich einfällt?“

Zandros nickte. „Das ist richtig, doch wie du siehst hat es dir auch nicht geholfen. Vielleicht befinden sich bereits Drohnen im Schloss. Ich wüsste sonst keine Erklärung dafür, dass es dieser Drohne gelang, dich so rasch zu finden und zu überwältigen. Die Dunkle Legion muss bereits von eurem Bündnisplan Wind bekommen haben. Wir müssen Guran eine Nachricht übermitteln. Er muss den König warnen.“

Mit einem Räuspern machte Erik auf seine Anwesenheit aufmerksam. Er lehnte auf seiner Axt und hatte der Unterhaltung gelauscht, ohne die Umgebung außer Acht zu lassen. „Ich möchte euer Gesäusel ja nicht unterbrechen, aber ich denke wir sollten weiter. Ich habe ein ungutes Gefühl, wenn wir uns zu lange hier aufhalten.“

Andrina betrachtete den Zwerg genauer. Plötzlich wurde ihr Misstrauen geweckt. Es war ungewöhnlich, dass sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Die Getreuen am Hof ihres Vaters waren zahlreich, dennoch kannte sie die meisten zumindest vom Sehen. Wie kommt es, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen habe, fragte sie in einer bösen Vorahnung.

geschichten/fantasy/der_ringstadtroman/teil_3.txt · Zuletzt geändert: 24.03.2011 22:06 (Externe Bearbeitung)
Quelle: http://stefanjahn.de/geschichten:fantasy:der_ringstadtroman:teil_3
Webseite: http://stefanjahn.de